Juristischer Berufseinstieg im Wandel: Warum gute Examina allein nicht mehr ausreichen
Der juristische Arbeitsmarkt verändert sich. Wirtschaftliche Unsicherheit, steigende Anforderungen an persönliche Kompetenzen und der zunehmende Einsatz Künstlicher Intelligenz stellen nicht nur Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, sondern auch Kanzleien und Unternehmen vor neue Herausforderungen. Im Interview mit beck-aktuell habe ich darüber gesprochen, worauf es bei der ersten beruflichen Entscheidung heute ankommt und weshalb eine erfolgreiche juristische Karriere weit mehr erfordert als gute Examensnoten.
Ein stabiler Arbeitsmarkt, aber veränderte Spielregeln
Der juristische Arbeitsmarkt gilt weiterhin als vergleichsweise stabil. Dennoch wäre es zu einfach, daraus abzuleiten, dass qualifizierten Absolventinnen und Absolventen sämtliche beruflichen Möglichkeiten offenstehen, denn den einen juristischen Arbeitsmarkt gibt es nicht. Die Beschäftigungsaussichten unterscheiden sich je nach Qualifikation, Rechtsgebiet, Standort und Arbeitgeber erheblich und auch wirtschaftliche Unsicherheiten wirken sich auf Einstellungsentscheidungen aus. Unternehmen und Kanzleien prüfen daher genauer, welche Positionen sie besetzen und welche Investitionen sie in neue Mitarbeitende tätigen möchten.
Zwei gute Staatsexamina sind deshalb nach wie vor ein wichtiges Qualifikationsmerkmal. Sie sind allerdings keine Garantie für den gewünschten Berufseinstieg und erst recht keine Garantie für eine langfristig erfolgreiche Karriere. Entscheidend ist zunehmend, welche Fähigkeiten und persönlichen Eigenschaften Bewerberinnen und Bewerber neben ihrer juristischen Qualifikation mitbringen.
Fachliche Exzellenz ist wichtig. Persönlichkeit ebenso.
In meiner Arbeit als Personalberaterin für anspruchsvolle juristische Positionen erlebe ich regelmäßig, dass fachliche Qualifikation zwar eine wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Besetzung ist, aber eben nicht die einzige. Arbeitgeber interessieren sich zunehmend dafür, wie Menschen denken, kommunizieren und zusammenarbeiten. Sie möchten wissen, ob jemand Verantwortung übernehmen kann, über wirtschaftliches Verständnis verfügt und bereit ist, sich fachlich wie persönlich weiterzuentwickeln. Das gilt nicht erst für Führungskräfte. Bereits beim Berufseinstieg sollte erkennbar sein, dass jemand die juristische Ausbildung nicht ausschließlich als Erwerb theoretischer Kenntnisse versteht, sondern das Gelernte auch in praktische Lösungen übersetzen möchte. Verantwortungsbereitschaft, Gestaltungswille und die Fähigkeit zur Selbstreflexion sind dabei Eigenschaften, deren Bedeutung mit zunehmender Berufserfahrung weiter wächst.
Künstliche Intelligenz verändert nicht nur die Arbeit, sondern auch die Ausbildung
Eine der derzeit spannendsten Entwicklungen betrifft den Einsatz Künstlicher Intelligenz in Kanzleien und Rechtsabteilungen. KI kann bereits heute zahlreiche Tätigkeiten unterstützen oder teilweise übernehmen, die bislang typischerweise von jungen Jurist:innen erledigt wurden. Dazu zählen beispielsweise juristische Recherchen, Dokumentenanalysen, Vertragsprüfungen und die Erstellung erster Entwürfe. Das eröffnet erhebliche Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung – gleichzeitig entsteht jedoch eine Frage, mit der sich Arbeitgeber künftig intensiver auseinandersetzen müssen: Wie erwerben Berufseinsteiger die notwendige fachliche Erfahrung, wenn ein Teil der bisherigen Lern- und Arbeitsprozesse zunehmend automatisiert wird?
Juristische Kompetenz entsteht nicht allein durch das Ergebnis einer Recherche oder eines Vertragsentwurfs. Sie entwickelt sich auch durch die intensive Auseinandersetzung mit komplexen Sachverhalten, das Abwägen unterschiedlicher Lösungswege und die eigenständige Bewertung rechtlicher Risiken. Wenn KI einen Teil dieser Arbeit übernimmt, müssen Kanzleien und Unternehmen neue Wege finden, um ihren juristischen Nachwuchs auszubilden.
Für Berufseinsteiger bedeutet dies wiederum, dass der souveräne Umgang mit KI-Anwendungen künftig ebenso wichtig sein wird wie die Fähigkeit, deren Ergebnisse kritisch zu hinterfragen.
KI kann juristische Arbeit erleichtern. Sie darf aber nicht dazu führen, dass das eigenständige juristische Denken verlernt wird.
Der erste Arbeitgeber prägt mehr als den Lebenslauf
Wer sich erstmals für einen Arbeitgeber entscheidet, orientiert sich häufig an bekannten Kriterien: Reputation, Einstiegsgehalt, fachliche Spezialisierung und Entwicklungsmöglichkeiten. Diese Faktoren sind legitim und wichtig, allerdings beantworten sie nicht die Frage, wie sich der berufliche Alltag tatsächlich gestalten wird.
Wie werden junge Juristinnen und Juristen eingearbeitet? Welche Führung erleben sie? Gibt es regelmäßiges Feedback? Wer übernimmt Verantwortung für ihre fachliche Entwicklung? Wie wird mit Fehlern umgegangen und welche Möglichkeiten bestehen, frühzeitig eigene Verantwortung zu übernehmen? Gerade beim Berufseinstieg halte ich diese Fragen für entscheidend, denn die ersten Berufsjahre prägen nicht nur das fachliche Können, sondern häufig auch das eigene Verständnis von Zusammenarbeit, Führung und beruflichem Erfolg.
Deshalb sollte ein Vorstellungsgespräch niemals als einseitige Prüfung verstanden werden. Es bietet beiden Seiten die Möglichkeit herauszufinden, ob Erwartungen, Werte und Perspektiven zueinander passen. Auch der Umgang mit Künstlicher Intelligenz und die daraus resultierenden Veränderungen der juristischen Ausbildung sollten heute Gegenstand solcher Gespräche sein.
Warum ich Berufseinsteigern von einer Personalberatung abrate
Im Interview mit beck-aktuell habe ich eine Empfehlung ausgesprochen, die aus dem Mund einer Personalberaterin zunächst überraschen mag: Wer seinen ersten juristischen Arbeitsplatz sucht, sollte sich in aller Regel direkt bei potenziellen Arbeitgebern bewerben und nicht den Weg über eine Personalberatung wählen. Arbeitgeber, egal ob auf Kanzlei- oder Unternehmensseite, erwarten von Berufseinsteigern häufig (und meiner Ansicht nach völlig zu Recht), dass sie sich eigenständig um eine Position bemühen. Zudem verfügen viele größere Arbeitgeber über etablierte Recruitingstrukturen für Absolventinnen und Absolventen.
Professionelle Personalberatung hat selbstverständlich ihre Berechtigung. Ihr besonderer Mehrwert entsteht aber vor allem dort, wo es um die gezielte Ansprache und Gewinnung erfahrener Fach- und Führungskräfte, komplexe Besetzungsprozesse oder vertrauliche Karriereentscheidungen geht. Aus meiner Sicht gehört zu einer seriösen Personalberatung deshalb auch, offen zu benennen, wann ihre Einschaltung sinnvoll ist und wann eben nicht. Für den Berufseinstieg sind zunächst die eigenen Kontakte, Referendariatsstationen, beruflichen Netzwerke und die direkte Auseinandersetzung mit potenziellen Arbeitgebern die naheliegenderen Wege.
Eine erfolgreiche Karriere beginnt mit den richtigen Fragen
Mein eigener Schwerpunkt bei LWYRD liegt nicht im Absolventenrecruiting, sondern in der Besetzung anspruchsvoller juristischer Positionen und im Coaching erfahrener Juristinnen und Juristen. Gerade deshalb betrachte ich den Berufseinstieg aus einer etwas anderen Perspektive: In meiner Arbeit begegne ich immer wieder Menschen, die fachlich außerordentlich erfolgreich sind und beeindruckende berufliche Stationen vorweisen können. Dennoch stellen sie sich nach vielen Jahren die Frage, ob der eingeschlagene Karriereweg tatsächlich ihren persönlichen Vorstellungen entspricht. Nicht selten wurden berufliche Entscheidungen maßgeblich von äußeren Erwartungen geprägt: dem Renommee eines Arbeitgebers, der Aussicht auf Partnerschaft, attraktiven Vergütungsmodellen oder einem bestimmten gesellschaftlichen Verständnis von Erfolg, dabei sind berufliche Zufriedenheit und langfristiger Erfolg immer auch eine Frage der individuellen Persönlichkeit, der eigenen Werte und der Lebensumstände.
Ich halte es deshalb für wichtig, dass junge Juristinnen und Juristen möglichst früh beginnen, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen: Was motiviert mich? In welchem Umfeld kann ich meine Stärken entfalten? Welche Art von Führung brauche ich? Was bedeutet beruflicher Erfolg eigentlich für mich persönlich? Auf diese Fragen muss man zu Beginn des Berufslebens noch keine endgültigen Antworten haben, aber es lohnt sich, sie überhaupt zu stellen, denn die erste berufliche Entscheidung muss nicht die richtige für das gesamte Berufsleben sein. Sie sollte jedoch möglichst bewusst getroffen werden- und eine langfristig erfolgreiche Karriere bemisst sich schließlich nicht allein daran, wie beeindruckend sie von außen aussieht.
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Das vollständige Interview mit Sabine Meuter erschien am 2. November 2026 bei beck-aktuell unter dem Titel „Zwei gute Examina öffnen nicht mehr alle Türen“.
Hier geht es zum Interview bei beck-aktuell.
Katharina E. Gangnus ist Rechtsanwältin, Gründerin von LWYRD Legal Recruitment und zertifizierte Business Coach. Sie begleitet Kanzleien und Unternehmen bei der Besetzung anspruchsvoller juristischer Positionen und unterstützt erfahrene Juristinnen und Juristen bei ihrer beruflichen Entwicklung.