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Foto von Kotryna Juskaite auf Unsplash

Juristischer Arbeitsmarkt 2026: Eine ehrliche Einordnung

Wie ist der Markt gerade wirklich? Eine ehrliche Einordnung aus dem juristischen Arbeitsmarkt

„Soll ich das Exit-Angebot annehmen?“

Diese Frage wird mir aktuell häufiger gestellt als noch vor ein oder zwei Jahren. Und sie steht exemplarisch für etwas, das ich derzeit sehr deutlich im juristischen Arbeitsmarkt beobachte.

Meine Antwort darauf fällt in vielen Fällen zurückhaltend aus. Ich rate oft dazu, ein solches Angebot nicht vorschnell anzunehmen, zumindest dann nicht, wenn es im Wesentlichen einem Jahresgehalt entspricht und keine konkrete Anschlusslösung absehbar ist. Das mag auf den ersten Blick konservativ wirken. Tatsächlich ist es aber eine sehr rationale Reaktion auf die aktuelle Marktsituation.

Denn der Markt hat sich verändert.

 

Von Freiheit zu Verantwortung

Was sich früher für viele Juristinnen und Juristen noch nach Freiheit angefühlt hat, nämlich den Job zu kündigen, Abstand zu gewinnen und sich dann neu zu orientieren, birgt heute deutlich größere Risiken. Gerade für diejenigen, die nicht mehr am Anfang ihrer Karriere stehen, sondern Verantwortung tragen, sei es für eine Familie, für finanzielle Verpflichtungen oder für einen bestimmten Lebensstandard. Der Markt ist nicht verschwunden. Aber er ist selektiver geworden. Und das verändert Entscheidungslogiken auf beiden Seiten.

 

Eine ruhige Oberfläche mit wachsender Komplexität

Was ich aktuell sehr häufig wahrnehme, ist eine gewisse Ruhe an der Oberfläche. Es gibt weniger sichtbare Bewegungen, weniger große Wechsel, weniger Dynamik in der Breite. Gleichzeitig steigt die Komplexität im Hintergrund spürbar.

Viele Rechtsabteilungen und Compliance-Teams bleiben in ihrer Größe stabil. Wachstum findet, wenn überhaupt, sehr gezielt statt. In vielen Organisationen liegt der Fokus aktuell nicht auf dem Ausbau von Teams, sondern auf der Frage, wie bestehende Strukturen effizienter und leistungsfähiger werden können.

Das hat mehrere Ursachen. Regulatorische Anforderungen nehmen weiter zu und technologische Entwicklungen verändern Arbeitsweisen und Kompetenzprofile. Gleichzeitig stehen Unternehmen unter wirtschaftlichem Druck, der sich unmittelbar auf Personalentscheidungen auswirkt.

 

Vom Aufbau zur Wirkung

Diese Entwicklung führt zu einer klaren Verschiebung im Führungsverständnis: Es geht weniger um den Aufbau von Kapazitäten und mehr um die Wirkung bestehender Strukturen. Priorisierung wird zur zentralen Führungsaufgabe. Die Frage lautet nicht mehr nur, was möglich ist, sondern was sinnvoll ist.

Ich führe momentan viele Gesprächen mit General Counsel und Kanzleien, ohne dass es um ein konkretes Recruiting Projekt geht. Vielmehr möchte ich verstehen, wo diese gerade stehen. Und hier erlebe ich immer häufiger genau diese Perspektive. Es geht um drei Dinge: Klare Entscheidungen, Fokus und um die bewusste Allokation von Ressourcen.

Und damit verändern sich auch die Anforderungen an Juristinnen und Juristen. Fachliche Exzellenz bleibt wichtig, wird aber zunehmend ergänzt durch strategisches Verständnis, technologische Affinität und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu strukturieren und zu kommunizieren.

 

Mehr Kandidaten, weniger passende Optionen

Auf Kandidatenseite zeigt sich parallel ein anderes, aber ebenso herausforderndes Bild: Es gibt viele sehr gut qualifizierte Juristinnen und Juristen. Gleichzeitig gibt es weniger Positionen, die wirklich passen. Die Entscheidungen dahin dauern länger, die Prozesse sind intensiver und die Erwartungshaltung auf beiden Seiten ist gestiegen. Gut, manchmal findet der Prozess gar nicht erst statt, da Verbindlichkeit und Verlässlichkeit auf Arbeitgeberseite im letzten Jahr in Bewerbungsprozessen massiv gelitten hat – aber das ist ein Thema für einen weiteren Artikel hier.

Was passiert in der Praxis dadurch? Es führt schlichtweg zu Unsicherheit.

Auch hier zeigen meine Gespräche, dass genau diese Orientierung gesucht wird. Die Frage ist weniger „Was ist der nächste Schritt?“ als vielmehr „Was ist unter den gegebenen Umständen die richtige Entscheidung?“.

 

Die Suche nach Stabilität

Vielleicht lässt sich die aktuelle Situation am besten so beschreiben: Es geht um Stabilität.

Unternehmen suchen nach stabilen Strukturen in einem zunehmend komplexen Umfeld. Kandidatinnen und Kandidaten suchen nach stabilen Perspektiven in einem Markt, der weniger planbar geworden ist. Gleichzeitig ist nicht mehr so eindeutig, wie früher, wo diese Stabilität eigentlich herkommen soll. Weder innerhalb des Marktes noch im größeren wirtschaftlichen und politischen Kontext. Das führt zu einer gewissen Zurückhaltung. Und in vielen Fällen auch zu einer Form von Planlosigkeit, die man so im juristischen Umfeld lange nicht gesehen hat.

 

Was bedeutet das für Entscheidungen heute?

In dieser Situation gewinnen andere Kriterien an Bedeutung. Es geht weniger um den nächsten großen Karriereschritt. Weniger um Geschwindigkeit. Weniger um das Ausprobieren. Es geht deutlich mehr um Substanz, Tragfähigkeit und Entscheidungen, die auch in zwölf oder vierundzwanzig Monaten noch Bestand haben. Das macht den Markt anspruchsvoller, aber nicht schlechter.

Es erfordert nur eine andere Art von Klarheit. Und genau darin liegt aus meiner Sicht aktuell die eigentliche Herausforderung.

Alles Liebe,

STAY LWYRD!

Ihre Katharina E. Gangnus

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