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Großkanzlei oder Boutique? Ratgeber

Großkanzlei oder Boutique? Warum die vermeintlich kleinere Kanzlei nicht automatisch die entspanntere Wahl ist.

„Ich möchte gerne aus der Großkanzlei in eine Boutique wechseln. Da ist die Arbeit ja deutlich entspannter.“

Diesen Satz höre ich in meiner täglichen Arbeit als juristische Personalberaterin tatsächlich häufiger, als man vermuten würde. Und ich muss meine Gesprächspartner dann regelmäßig enttäuschen, denn die Vorstellung, dass mit einer kleineren Kanzleieinheit automatisch weniger Arbeitsstunden, weniger Druck und eine bessere Work Life Balance einhergehen, hat mit der Realität häufig wenig zu tun.

Genau darüber habe ich mit der LTO gesprochen, die sich in einem aktuellen Artikel mit der Frage beschäftigt, welche Rolle Boutiquekanzleien für den Berufseinstieg und die weitere Karriere von Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten spielen.

Und ich finde, wir sollten bei dieser Diskussion mit einem grundsätzlichen Missverständnis aufräumen: Die Größe einer Kanzlei sagt erstaunlich wenig darüber aus, wie anspruchsvoll die Arbeit ist, welche Entwicklungsmöglichkeiten sie bietet oder wie gut jemand dort aufgehoben ist.

 

Mythos Nummer 1: In Boutiquekanzleien arbeitet man weniger.

Wer sich für eine Boutique entscheidet, entscheidet sich häufig für ein hochspezialisiertes Umfeld mit kleinen Teams, anspruchsvollen Mandaten und einer sehr unmittelbaren Verantwortung für die eigene Arbeit. Anders als in größeren Einheiten, in denen Aufgaben auf zahlreiche Schultern verteilt werden können, sind die einzelnen Anwältinnen und Anwälte hier oftmals deutlich näher am Mandat, am Mandanten und an den wirtschaftlichen Entscheidungen der Kanzlei.

Das kann eine großartige Entwicklungsmöglichkeit sein, setzt aber auch voraus, dass man bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und unternehmerisch mitzudenken.

Die Arbeitsbelastung ist deshalb keineswegs automatisch geringer. Im Gegenteil: Nicht selten wird ähnlich viel gearbeitet wie in einer Großkanzlei, allerdings bei einer erheblich niedrigeren Vergütung.

Wer also vor allem deshalb wechseln möchte, weil er sich weniger Arbeitsstunden bei vergleichbarem Gehalt verspricht, sollte sich sehr genau anschauen, ob die eigenen Erwartungen mit dem tatsächlichen Geschäftsmodell der jeweiligen Kanzlei vereinbar sind.

 

Mythos Nummer 2: Die wirklich spannenden Mandate liegen ausschließlich bei den Großkanzleien.

Auch diese Vorstellung hält sich erstaunlich hartnäckig.

Dabei sind viele Boutiquen gerade deshalb so erfolgreich, weil sie über eine fachliche Expertise verfügen, die am Markt ausgesprochen gefragt ist. Sie beraten bei komplexen Transaktionen, führen anspruchsvolle Prozesse und werden nicht selten genau dann hinzugezogen, wenn es auf besondere Spezialisierung und Erfahrung ankommt.

Für junge Anwältinnen und Anwälte kann das eine ausgesprochen steile Lernkurve bedeuten. Wer früh eigenständig arbeitet, unmittelbar mit Mandanten kommuniziert und inhaltlich Verantwortung übernimmt, entwickelt häufig Fähigkeiten, für die es in größeren Strukturen deutlich länger braucht.

Allerdings gilt auch hier: Nicht jede Boutique ist automatisch eine hervorragende Ausbildungsstätte, genauso wenig wie jede Großkanzlei zwangsläufig eine bessere Ausbildung bietet.

Entscheidend sind die Menschen, mit denen man arbeitet, die Qualität der Mandate und die Bereitschaft, Wissen tatsächlich weiterzugeben.

 

Und was ist mit der Spezialisierung?

Gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Automatisierung juristischer Tätigkeiten und des Einflusses Künstlicher Intelligenz halte ich diese Frage für besonders relevant.

Wir werden uns im Rechtsmarkt darauf einstellen müssen, dass bestimmte Tätigkeiten, mit denen Berufseinsteiger bislang ihre ersten praktischen Erfahrungen gesammelt haben, künftig in deutlich geringerem Umfang von Menschen erledigt werden.

Gleichzeitig wird die Nachfrage nach echter fachlicher Expertise, wirtschaftlichem Verständnis und der Fähigkeit, komplexe Sachverhalte eigenständig zu beurteilen, nicht verschwinden.

Das spricht für eine bewusste Spezialisierung, allerdings nicht zwingend für eine möglichst frühe Festlegung auf ein enges Rechtsgebiet.

Denn auch eine breite juristische Ausbildung hat ihren Wert. Wer unterschiedliche Perspektiven kennengelernt hat, wirtschaftliche Zusammenhänge versteht und über den eigenen fachlichen Tellerrand hinausdenken kann, bringt Fähigkeiten mit, die gerade in spezialisierten Einheiten von großem

Nutzen sein können.

 

Ist die Entscheidung für eine Boutique also eine berufliche Einbahnstraße?

Nein, und das ist mir besonders wichtig.

Ich begleite regelmäßig Wechsel zwischen unterschiedlichen Kanzleiformen und erlebe dabei, dass die Übergänge deutlich durchlässiger sind, als viele vermuten.

Boutiquen suchen durchaus Anwältinnen und Anwälte aus größeren Einheiten, die eine fundierte Ausbildung mitbringen und sich anschließend gezielt spezialisieren möchten. Umgekehrt schätzen mittelständische Kanzleien die fachliche Tiefe und die unmittelbare Mandatserfahrung von Kandidatinnen und Kandidaten aus spezialisierten Boutiquen.

Natürlich kommt es immer auf das konkrete Profil, die Seniorität und die fachliche Ausrichtung an. Aber die Vorstellung, mit der Entscheidung für eine bestimmte Kanzleiform sämtliche weiteren Karriereoptionen festzulegen, halte ich für überholt.

Was bedeutet das nun für den Berufseinstieg?

Ich würde jungen Juristinnen und Juristen deshalb raten, bei der Wahl ihres ersten Arbeitgebers weniger auf das Etikett und deutlich stärker auf die tatsächlichen Rahmenbedingungen zu achten.

Wer wird mich ausbilden? Wie eng werde ich mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten? Welche Verantwortung darf ich übernehmen? Wie sieht die Mandatsstruktur aus? Welche Erwartungen bestehen an meine Entwicklung und welche Perspektiven ergeben sich daraus?

Und vor allem: Passt das Umfeld zu meinen persönlichen Vorstellungen davon, wie ich als Anwältin oder Anwalt arbeiten und mich entwickeln möchte?

Denn am Ende ist eine erfolgreiche Anwaltskarriere nicht zwangsläufig diejenige, die bei der größten oder renommiertesten Kanzlei beginnt. Sie ist diejenige, in der fachliche Entwicklung, persönliche Stärken und berufliche Ambitionen langfristig zusammenpassen.

Dass sich diese Voraussetzungen im Laufe einer Karriere verändern können, gehört übrigens genauso dazu.

Ich freue mich, dass ich meine Erfahrungen aus der juristischen Personalberatung in den aktuellen LTO Artikel einbringen durfte und danke für die Gelegenheit, mit einigen hartnäckigen Vorstellungen über den Kanzleimarkt aufzuräumen.

Den vollständigen Artikel finden Sie hier:
https://www.lto.de/karriere/im-job/stories/detail/berufseinstieg-anwalt-was-ist-eine-boutique-kanzlei

Alles Liebe,
STAY LWYRD!
Ihre
Katharina E. Gangnus

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